Ich sehe mich hier vor der schwierigen Aufgabe, das ¡Aquí!, den Mythos, an dem sich alle (guten) Cafés messen lassen müssen, zu rezensieren. Und das Schwierige an dieser Aufgabe ist vor Allem, den Reiz, den das Etablissement auf den Besucher ausübt, in Worte zu fassen.
Mein erster Kontakt mit dem ¡Aquí! liegt jetzt schon Jahre zurück. Sehr empfohlen von Bekannten betrat ich zum ersten Mal an einem Sommerabend das Café, natürlich mit ob des Lobs hohen Erwartungen. Und diese erste, visuelle Kontaktaufnahme war mir Elsaßreisendem eher eine hochgezogene Augenbraue denn innerliche Begeisterung wert. »Wie, das ists schon?« Tatsächlich verströmt die Inneneinrichtung des Cafés einen Charme der besonderen Art. Bestes Sinnbild ist wahrscheinlich die Miller-Uhr an der Wand neben der Theke, deren Zeiger sich seit Jahren um keinen Millimeter bewegt haben, deren Ziffernblatt aber noch immer jeden Abend beleuchtet ist und die dort an der Wand friedlich vor sich hinstaubt. Ganz ähnliches gilt für eine Holzsäule direkt an der Bartheke, deren eigentlichen Zweck als Brunnen ich auch erst nach Monaten verstand, als sie zum ersten Mal wieder in Gang gesetzt war.
Das »Aquí« als »ungepflegt« zu bezeichnen, wäre ihm -- und dem Eigentümer -- aber Unrecht getan. Boden wie Tische werden regelmäßig geputzt, hinter der Bar ist alles blitzblank, und ich kann mich nicht erinnern, auch nur einmal dreckiges Geschirr oder Besteck bekommen zu haben.
A propos Besteck: Im »Aquí« wird man nicht nur satt, es schmeckt auch verdammt gut. Ein Blick in die Karte offenbart Brotkuchen (Fladenbrot, das mit Diversem überbacken wird), selbstgemachte Burger und allerlei deftiges. Und natürlich darf dem Thema entsprechend auch spanisches nicht fehlen. Für jeden Hunger von klein bis groß gibt es Tapas: Mozarella-Sticks, Hähnchenflügel, frittierte Pilze und Jalapeños finden sich auf dem Teller, und wer wirklich viel Hunger hat, oder man einfach zu zweit is(s)t, bestellt sich die XXL-Version der Tapasplatte, bei der dann auch gleich spanische Salami, Schinken, Manchego-Käse, Brot und Butter auf einem Extra-Teller mit dabei sind. Ganz ähnlich sieht dann auch die kalte »spanische Platte« aus. Wer bis zum frühen Nachmittag im Aquí erscheint, wählt stattdessen unter dem reichen Frühstücksangebot, das von -- natürlich -- spanisch über französisch mit Croissant, Camembert und Milchkaffee, »typisch deutsch« und Englisch mit Speck und Bohnen bis hin zum amerikanischen mit Blueberry Pancakes und Kaffee bis zum Abwinken reicht. Und zu guter Letzt sei dann auch die Wochenkarte genannt, auf der sich immer wieder eine Besonderheit findet.
Vom Essen gehts zum Trinken, und da seien vor allem zwei Dinge hervorgehoben: Die beeindruckende Whiskykarte und die reiche Auswahl an Cocktails. Laphroaig, 10 Jahre? Kein Problem. Vielleicht auch lieber den 15-jährigen, der ist milder. Natürlich darfs auch gerne ein Lagavulin sein. Nein, kein Islay? Lieber ein Talisker dann? Oh, achso, irisch solls sein, kein Problem: Wäre ein Blackbush recht? Knapp vierzig Whiskys finden sich auf der Karte, wenn auch die Bedienung denselben nicht immer im Regal findet, vielleicht, weil er noch beim Chef ist, der selbst einen guten Tropfen zu schätzen weiß und sich entsprechend auskennt. So lernt man dann auch die eine oder andere neue, unbekannte Perle kennen, wenn man das Glück hat, den Inhaber selbst im Café anzutreffen. A propos Perle: Auch eine besondere Teesorte, den Lapsang Souchong, habe ich erst im Aquí kennengelernt. Ähnlich gehts dann mit den Cocktails weiter, die sich nicht nur durch Geschmack, sondern auch durch äußerst humane Preise von allen übrigen Cafés, die ich bisher besucht habe, abheben.
Gutes Essen, gute Preise, große Auswahl -- das alles macht das Aquí zwar empfehlenswert, aber nicht besonders. Was es wirklich so heraushebt, das ist die besondere Atmosphäre, die herrscht. Man ist weltoffen hier, und das schlägt sich nicht nur in der Speisekarte nieder, sondern auch in der großen Akzeptanz, die man als Gast empfängt. In den Jahren, die ich mehr oder minder regelmäßig dort eingekehrt bin, habe ich es häufiger erlebt, daß das Aquí »hip« und modern bei einer der aktuellen Oberstufen wurde und dann aufgetackelte Blondinen und peinliche Jünglinge die Tische besetzten. Aber das verlor sich, und das Aquí blieb trotzdem dasselbe. Mehr als einmal habe ich mit Erstaunen das »so, wir schließen bald, letzte Runde!« vernommen und festgestellt, daß die Zeit einmal mehr wie im Flug vergangen ist. Und ganz nebenbei ist auch noch das eine oder andere Gespräch mit dem Inhaber, dem Barmann oder einer Bedienung möglich.
Ich hoffe jedenfalls, daß ich noch viele Abende im Café Aquí genießen kann.
