Edinburgh ist einzigartig. Dieses Attribut teilt sich die Stadt natürlich auch mit anderen Orten, jedoch nicht in dieser Form. Der beste Weg, sich schnell deutlich zu machen, wo man ist, besteht in der Anreise mit dem Zug: Man tritt aus der Waverly Station -- der Bahnhof ist unterirdisch angelegt --, kommt ans Tageslicht und wird sofort von Dudelsackmusik empfangen: Willkommen in Schottland; willkommen in Edinburgh.
Zuerst führt der Weg natürlich in die eigene Unterkunft. Mag deren Fassade noch so unscheinbar sein -- auf ein schmuckes Schild verzichet natürlich niemand freiwillig --, so ist das Eintreten gleichermaßen eine Zeitreise: Vieles, von Teppich, Tapete, Decke und Treppengeländer bis zu Stuhl, Schreibtisch und, nicht zu vergessen, dem Bett warten mit einem Stil auf, den man sofort mit der Viktorianischen Epoche assoziiert. War die Musik noch der Anfang, so machen diese Eindrücke die Atmosphäre komplett. Man möchte direkt einen der reich verzierten Stühle an den Schreibtisch ziehen, den Blick aus dem Fenster schweifen lassen, Papier auspacken und zu schreiben beginnen... -- Doch halt!, es ist gar kein Papier vorhanden, und der passende Füllfederhalter fehlt auch. Aber wußten Sie, daß es in Edinburgh und Schottland im Allgemeinen ein Gesetz gibt, das vorschreibt, die traditionellen Fenster zu erhalten, zumindest dann, wenn man sie von außen sehen kann?
Nach der kurzen Ruhephase will natürlich die Stadt gesehen werden. Die Lothian-Busse bringen einen schnell von A nach B, und dank der hohen Dichte an Bussen muß man in Edinburgh auch niemals lange auf den nächsten warten. In den Hauptverkehrsadern fahren dann auch tagsüber vier Busse hintereinander: Natürlich nicht für dieselbe Linie, aber nichtsdestotrotz herrscht viel Verkehr in der Stadt. Kein Wunder, daß auch hier die Straßenbahn ihre Renaissance erlebt.
Auf dem Weg durch die beiden alten Stadtteile -- Old und New Town -- zeigt Edinburgh genügend alte Fassade, um erahnen zu lassen, wie viele Generationen hier schon gelebt haben. Denn wenn es Auld Reekie an einem nicht mangelt, dann an Geschichte. Das beginnt ganz offensichtlich bei Edinburgh Castle, wo die Audio-Tour unbedingt anzuraten ist, aber weitaus intensiver ist das Erlebnis in einem der für die Öffentlichkeit zugänglichen, restaurierten Häusern. Sei es in einem der Lands aus dem 15., 16. Jahrhundert direkt an der Royal Mile oder aber eines der aus dem 18. Jahrhundert stammenden Häusern der Vornehmen im New Town: Statt einer lieblosen Tour darf man das sorgfältig mit Möbeln der Zeit hergerichtete Gebäude nach Herzenlust selbst besichtigen und sich sicher sein, daß eine der in jedem Zimmer vorhandenen Ansprechpersonen über genügend fundiertes Fachwissen verfügt, um einen verregneten Tag wie im Fluge vergehen zu lassen.
Und wo beschließt sich ein Tag nicht besser als im Pub? Lokales Bier und, besser noch, Schottischer Whisky verwöhnen den Gaumen, während man ganz nebenbei noch erfährt, daß auch des Abends nach Einbruch der Dunkelheit Touren durch die Stadt führen, und die besten davon erzählen nicht vom Spuk wie dem «South Bridge Poltergeist», sondern von Edinburghs Helden: Robert Burns, Sir Walter Scott, Robert Louis Stevenson oder gar Sir Arthur Conan Doyle. Kein Wunder, daß sie alle Schottlands Capitale so inspirierend fanden. Wenn das Wetter richtig steht und der Wind die Dämpfe der lokalen Brauerei in dichten Schwaden durch die Stadt treibt, dann kann man erahnen, warum die Stadt den Beinamen «Alte Verräucherte» -- Auld Reekie hat. Und egal wie oft man meint, eine Straße schon entlang gegangen zu sein, ein paar Tage später, wenn das Licht richtig steht, findet man ein unentdecktes Wynd (eine Close, also eine enge Gasse zwischen den hohen Häusern) -- und an deren Ende vielleicht einen Pub oder gar ein weiteres Museum.
Wer jetzt von der Fülle an Sinneseindrücken Ruhe braucht, sucht sich am besten einen der verwinkelten Wege, die durch die Stadt führen, unberührt vom Verkehr an einem Bach entlang. Oder er begibt sich auf den Arthurs Seat, packt dort den wahrscheinlich längst erstandenen Federhalter und Papier aus und beginnt, vielleicht zum ersten Mal, mit einem Reisetagebuch. In Edinburgh kein Wunder: It's Scotland's inpiring capital!

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